Die Auswahl der optimalen Intraokularlinse stellt insbesondere bei Premiumlinsen einen entscheidenden Schritt für die spätere Patientenzufriedenheit dar. Trotz präziser Biometrie und moderner Berechnungsformeln lassen sich individuelle Sehpräferenzen – etwa hinsichtlich Kontrastempfindlichkeit, Halo- und Blendungsphänomenen oder der gewünschten Brillenunabhängigkeit – bislang nur eingeschränkt vorhersagen. Gerade die Entscheidung zwischen monofokalen, EDOF- und multifokalen Linsen basiert deshalb häufig auf theoretischer Beratung und der subjektiven Vorstellungskraft des Patienten.

Mit RALV (Real Artificial Lens Vision), das schwerpunktmäßig auf der Pressekonferenz des 38. Internationalen Kongresses der Deutschen Augenchirurgen (DOC) heuer in Nürnberg vorgestellt wurde, steht hierfür ein innovatives Simulationsverfahren zur Verfügung. Das System neutralisiert die Brechkraft der körpereigenen Linse optisch und ermöglicht es, verschiedene Original-Intraokularlinsen bereits vor der Operation unter realen Sehbedingungen zu testen. Patienten betrachten dabei reale Objekte in unterschiedlichen Entfernungen und erleben unmittelbar die jeweiligen Sehcharakteristika der ausgewählten Linsen. Dadurch wird die Beratung wesentlich anschaulicher und individueller.

Besonders relevant ist die realitätsnahe Demonstration typischer optischer Eigenschaften verschiedener Premiumlinsen. Unterschiede hinsichtlich Fern-, Intermediär- und Nahsehschärfe sowie mögliche photische Phänomene wie Halos oder Blendung können unmittelbar erlebt werden. Dies erleichtert eine gemeinsame Entscheidungsfindung und führt häufig zu realistischeren Erwartungen an das postoperative Ergebnis.

Von der Untersuchung profitieren insbesondere Patienten mit Wunsch nach weitgehender Brillenunabhängigkeit, Kandidaten für Premiumlinsen sowie refraktiv vorbehandelte Patienten, bei denen die präoperative Beratung häufig besonders anspruchsvoll ist. Auch bei beginnender Katarakt mit noch guter Sehschärfe kann die Simulation helfen, frühzeitig den individuell passenden Linsentyp zu identifizieren.

RALV ersetzt weder die präoperative Diagnostik noch die sorgfältige Indikationsstellung. Das Verfahren ergänzt jedoch die etablierte Linsenberatung um eine patientennahe, objektivierbare Entscheidungsgrundlage und kann dazu beitragen, unrealistische Erwartungen zu reduzieren sowie die postoperative Zufriedenheit nachhaltig zu verbessern.